Facetten des Erwachens
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A u s z ü g e  L e s e n

Kostbare Dialoge mit 16 indischen Meistern über die Lehre von Sri Ramana Maharshi.

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Hier klicken, um Auszüge des formatierten Buchs zu sehen oder herunterzuladen (pdf 464 kb). Drei Kapitel mit Farbbildern: of the formatted book as a pdf (451 kb) consisting of three chapters with Kiran, Radha Ma und Ramesh Balsekar. Sie können auch hier Auszüge lesen:

Kiran

Kiran ist 1941 geboren und studierte Hindu-Philosophie am Sanskrit -College in Thane. Obwohl er seit 1967 Anhänger von Osho war, führte er sein Leben mit Beruf und Familie weiter. Nachdem Osho 1981 Indien verlassen hatte und in die USA gegangen war, suchte Kiran verschiedene andere Gurus auf, zu denen auch U.G. Krishnamurti gehörte, der ihn stark beeinflusste. Ab 1993 begann Kiran, selbst zu unterrichten. Er verließ im Alter von 65 Jahren im März 2006 seinen Körper.

Das Interview mit Kiran fand 2004 statt. Bei diesem ersten und einzigen Treffen mit ihm saß Kiran ganz entspannt auf einer Bank, die von der Decke seines geräumigen Wohnzimmers hing, und schaukelte sanft hin und her. Einige seiner indischen Schüler waren auch anwesend. Als ich ihn nach seinem Lebenslauf fragte, antwortete er sofort: ?Ich habe keinen Lebenslauf." Man spürte, dass er ganz bei sich war. Kiran war sowohl ein moderner spiritueller Lehrer, als auch Geschäftsmann und Familienvater.

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Gibt es irgendwelche Voraussetzungen für die Erleuchtung? Ist eine Sadhana (spirituelle Disziplin) notwendig? Und wenn ja, welche Form würdest du vorschlagen?

Welche Voraussetzungen? Du musst lebendig sein, das ist alles. Die meiste Zeit sind wir das nicht, wir sind eher tot, auch weil wir so stark an die Vergangenheit angehaftet sind. Für das Erwachen, die Erleuchtung, ist vor allem notwendig, dass du lebendig bist wie eine Blume, wie ein Vogel, wie ein Kind. Schau dir ein Kind an! Kannst du es sehen? Wie kannst du lebendig sein, ohne vollkommen frei zu sein von der ganzen toten Vergangenheit, ohne offen zu sein für das Jetzt, diesen einen Moment? Nur wenn du mit ihm verbunden bist, bist du wirklich lebendig.

Aber wir sind nicht mit dem Hier verbunden, sondern mit der Vergangenheit. Wir sehen die Gegenwart durch die Augen der Vergangenheit und träumen von der Zukunft. Lebendig zu sein bedeutet, jetzt berührbar zu sein. Lebendig zu sein bedeutet, dass das Leben im Inneren nur so sprudelt, dass du mit deinem ganzen Wesen singst und tanzt, und das einschließlich all deiner Probleme. Sei spontan - das ist die einzige Voraussetzung!

Gibt es eine Sadhana ? Gibt es einen Weg? Es gibt keinen Weg, den Weg kreiert sich der Verstand selbst. Es ist, wie in den Himmel fliegen. Der Himmel ist offen, er ist frei, du musst nur deine Flügel ausbreiten und springen. Wenn du fliegst, gibt es keinen Weg. Es gibt keine Sadhana , die du tun müsstest. Tue es einfach, dieses Geschenk gehört dir von Geburt an. Erleuchtet zu sein basiert nicht auf irgend-
einer Sadhana .

Der Zweck einer Sadhana ist es, den Verstand zu lenken. Dann beginnst du die Reise durch den Verstand. Der Verstand muss so müde sein, dass er an einem bestimmten Punkt tot umfällt. Die ganze spirituelle Praxis arbeitet darauf hin, körperlich und mental so müde zu werden, dass du erkennst, dass du mit allem was du gemacht hast, nichts erreichen konntest. Das ist der Punkt, an dem du die Suche selbst in Frage stellst. Es gibt nichts, was dich irgendwo hinbringen könnte, denn da ist nichts. An dem Punkt beginnt die Reise. Die äußere Reise beginnt, wenn du dich aufmachst, die innere Reise hingegen, die Sadhana , wenn du innehältst. Da gibt es keine Bewegung. Setz dich nur still hin und tue nichts. Das ist die Sadhana .

Ein anderer Pfad, der für den Verstand attraktiv ist, ist Yoga , der Pfad des Suchers. Dabei tust du etwas, so dass der Verstand ganz langsam an Stärke gewinnt, sehr viel Stärke sogar, und an einem bestimmten Punkt explodiert er. Wenn er jedoch explodiert, dann ist es ein Feuerwerk der Kraft, das dazu führt, dass er noch stärker wird. Es gibt Yogis (Menschen, die Yoga praktizieren), die wirklich große übernatürliche Kräfte, Siddhis , besitzen, ein sehr starkes Ego und sehr große mentale Macht haben. Sie können Menschen kontrollieren, sie können hypnotisieren, sie können viele Wunder vollbringen - Chamatkar , und das ist für den Verstand sehr anziehend. Die meisten Menschen sind von den spirituellen Praktiken sehr angezogen, weil sie denken, dass sie dadurch am Ende Erleuchtung finden. Sie erreichen gewisse Fähigkeiten und Kräfte, die wir Siddhis nennen, und glauben fälschlicherweise, dies sei ein Teil der Erleuchtung. Erleuchtung jedoch ist der Zustand eines Buddha (Erleuchteten), das wirkliche und vollständige Verstehen. Deshalb frage ich immer: Suchst du nach Macht oder suchst du Frieden? - In Wirklichkeit suchen wir alle nach Frieden.

Erst wenn du den Pfad des Friedens wirklich verstehst, ist es möglich, dich zu entspannen. Nimm dich an, wie du bist! - das ist die Botschaft, die ich in den letzten zehn Jahren mit den Menschen geteilt habe. Nimm an, wo du bist und was du hast!

Indem du akzeptierst, wie du bist, beendest du alle spirituellen Reisen und alle Übungen. Diese Übungen machst du schließlich nur, weil du mit dir selbst nicht zufrieden bist; du akzeptierst dich nicht, wie du bist. Du willst ?jemand" werden. Du willst irgendwo ankommen, etwas erreichen; wie ein Buddha werden vielleicht. Also beschreitest du den Weg einer spirituellen Praxis. Wenn du dich ganz annimmst, was ist dann der Sinn einer spirituellen Übung? Du bist, wie du bist. Ruhe in dir selbst und mit dir selbst, und die Liebe beginnt zu fließen. Jede spirituelle Übung beginnt mit Hass, mit Zurückweisung, mit Nichtannehmen, andernfalls kannst du keine spirituelle Praxis ausüben. Nimm dich selbst an!

Dich einfach im Innern zu entspannen, ist der Beginn eines ersten Schrittes. Wenn du dich vollkommen annimmst, wird etwas auftauchen. Denn der Verstand, der immer etwas tun will, hat plötzlich nichts mehr zu tun. Ansonsten schafft er sich immer Aufgaben, spirituelle, weltliche oder andere, den Zielen entsprechend, die er sich ebenfalls selbst geschaffen hat. Die spirituelle Praxis ist also eine Sache des Verstandes. In dem Augenblick, in dem du dich vollkommen annimmst, hat der Verstand keine Aufgabe mehr, weil da niemand mehr ist, der etwas tut. Wenn du beginnst, in dem Verständnis zu leben, alles was du bist, sei absolut in Ordnung, dann ist der Verstand hilflos und das Ego ebenfalls. Ramana pflegte immer zu fragen: ?Wem geschieht dies gerade?" Doch auf diese Frage gibt es keine Antwort. Und das beginnst du zu sehen. Du siehst, dass dein Verstand, in dem das alles geschieht, nur ein Trugbild ist. Du gelangst schließlich zum Zentrum des Gewahrseins, deinem natürlichen Zustand, zu dem, was du wirklich bist. Dann beginnst du, in diesem Verständnis zu leben. Dieses Annehmen ist gleichzeitig die Entfaltung von Verstehen, und ohne irgendeine spirituelle Praxis erscheint plötzlich Klarheit.

Ich ermutige deshalb nicht zu spirituellen Übungen, aber ich rate auch nicht davon ab. Du musst dich selbst entscheiden. Auch ich habe jede Menge spiritueller Praktiken ausgeübt, bis ich an einem bestimmten Punkt die Nase voll hatte. Jedoch muss man sehr, sehr ehrlich mit sich sein, denn der Verstand ist listig und sehr trickreich. Er wird dir erzählen, dass du Fortschritte machst, eingebildete Erfahrungen geschehen und du beginnst zu glauben, kurz vor dem Erwachen zu stehen. ?Mach weiter! Schon in einem Jahr bist du wahrscheinlich erleuchtet, vielleicht schon morgen." Doch dies alles ist ein Spiel des Verstandes. Ich bin da auch durchgegangen, ich kenne es.

Das spirituelle Leben verlangt Ehrlichkeit mit sich selbst. Nur das weltliche Leben verlangt Ehrlichkeit gegenüber anderen. Sei ehrlich mit dir selbst und gestehe dir ein, dass sich sogar nach jahrelanger Meditation und spirituellen Übungen nichts wirklich verändert hat, dass du derselbe bist wie zuvor. Doch wer hat dazu schon den Mut?

Wir alle haben diese Vorstellungen von großen Veränderungen. Doch die Veränderungen, die du siehst, sind keine wirklichen Veränderungen. Sie sind vorübergehend. Das ist wie bei einer Schmerztablette: Du nimmst sie und Wow! der Schmerz ist verschwunden. Und dann? - Die Ursache deines Schmerzes ist noch immer da. Bei den ganzen spiri-tuellen Übungen ist es genauso: Indem sie den Verstand austricksen, bescheren sie dir eine vorübergehende Erleichterung. Und der Verstand macht dich auch noch glauben, dass etwas geschehen ist. Du solltest dir deshalb absolut klar darüber sein, was du wirklich suchst. Sei ehrlich und schau hin! Bist du entspannt, wenn du dich mit dem Leben verbindest? Oder kommt Unruhe auf in Hinblick auf das Leben da draußen, das Reaktionen in deinem Verstand hervorruft?

Schau nach innen und sieh selbst, dann wirst du bald herausfinden, dass es dich gar nicht gibt, und du wirst irgendwann genug davon haben. Wie viele Jahre hast du damit verschwendet? Zu wie vielen Meistern bist du gegangen? Wie viel Zeit hast du mit dem Betteln um Erleuchtung verbracht?

Ein Sufimeister hat mich richtig aufgeweckt mit der Frage: ?Wonach suchst du? Was willst du im Leben?"

?Ich will glücklich sein, ich möchte Frieden.", antwortete ich.

?Dann frage dich, warum du unglücklich bist, statt nach Frieden zu suchen. Bleibe bei dir selbst. Beobachte, sei achtsam und frage dich: ?Warum bin ich unglücklich? Warum bin ich krank?" Finde das heraus, statt nach Gesundheit zu suchen. Das ist schon die ganze spiritu-
elle Praxis."

Ich sage nicht, dass Sadhana nicht hilft, doch sie hat ihre Grenzen. Wenn du voller Schmerzen und Frustration bist, brauchst du ein Schmerzmittel, eine Art Technik oder Methode als Medikament, das dir die unmittelbaren Schmerzen nimmt, auch wenn das noch nicht die Heilung bedeutet. Das musst du verstehen, ansonsten wirst du ab-hängig werden von dem Schmerzmittel.

Warum solltest du jeden Morgen meditieren? Manche Leute tun das sogar Jahrzehnte lang. Wozu? Wenn es zur Heilung führen soll, muss die Technik oder Methode an einem bestimmten Punkt fallengelassen werden. Sie sollte dich gesund machen. Tut sie es nicht, wirkt sie nur wie eine Droge und führt in die Abhängigkeit.

Den ganzen Tag stopfst du so viele Dinge in dich hinein, so dass dein Verstand dann voller Frustration und Anspannung ist. Deshalb solltest du unbedingt verstehen: Sadhana funktioniert zwar bis zu einem gewissen Punkt und bringt dir eine vorübergehende Entlastung, doch ist das keine Heilung. Ich sage das, weil ich da durchgegangen bin und viele meiner Freunde auch. Nur ein tiefes Verstehen bedeutet Erwachen. Verstehen, warum du krank bist, warum du frustriert bist, warum du unglücklich bist. Verstehe es, finde den Grund für dein Unglück. In dem Moment, in dem du es verstehst, kennst du auch das Heilmittel. Dann bist du frei, wirklich frei. Diese Freiheit ist dein natürlicher Zustand. Es geht nicht darum, sie zu finden.

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Radha Ma

Radha Ma ist eine jung wirkende Frau, von der wir nicht wissen, wie alt sie tatsächlich ist (vielleicht Anfang 40). Sie stammt ursprünglich aus Bangalore, wo sie viele Jahre erfolgreich im Finanzamt gearbeitet hat. Dort lernte sie auch ihren Ehemann kennen, und um dem Druck der Familie zu entgehen, beschlossen sie zu heiraten. Nun ist er gleichzeitig ihr Anhänger und Schüler. Sie weist es stets zurück, ein Guru oder Meister zu sein, aber trotzdem kommen viele Menschen zu ihr.

Das Interview mit Radha Ma 2003 zu arrangieren, war ein wirklicher Genuss, denn sie erklärte sich sofort dafür bereit. Sie sagte: ?Warum nicht jetzt?", und so saßen wir schon bald zusammen und hatten sehr viel Spaß. Während unserer Begegnungen in den letzten Jahren nahm ich in ihrer Präsenz immer unglaublich viel Liebe wahr. Am Tor ihres Ashrams ist auf einem Schild zu lesen: ?Ich bin kein Guru. Statt deine Zeit mit dem Versuch zu vergeuden, mir zu begegnen, solltest du lieber zum Ramana-Ashram gehen!" Dass sie trotzdem meine Einladungen angenommen hat, in meinem Arunachala-Retreat zu sprechen, hat mich sehr berührt. Als weise Frau ist sie kompromisslos der Wahrheit ergeben, die sie in ihren Vorträgen trotzdem liebevoll und mit viel Humor ausdrückt.

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Oft wird behauptet, dass der Verstand erst zerstört werden muss, damit Befreiung stattfinden kann! Hast du einen Verstand?  

Nein. Der Verstand ist Illusion, er existiert nicht mehr. Und ich weiß auch nicht, was der Verstand ist.  

Du sagst, du hast keinen Verstand. Doch wenn du in ein Auto einsteigen würdest, dann könntest du doch fahren, oder nicht?   Und wenn du in einem Büro arbeiten würdest, könntest du mit Computern, Zahlen und Mathematik umgehen, oder? Um all diese Dinge tun zu können, brauchst du doch einen Verstand.  

Auf jeden Fall, und ich vertrete ja sogar einen bestimmten Standpunkt, um deine Fragen zu beantworten, und bräuchte in meinem Kopf ein Wörterbuch, um all die dazugehörigen Wörter sprechen zu können, oder? Doch die Worte kommen spontan aus dem Bewusstsein, aus meinem inneren Wesen, nicht aus dem Verstand. Der Verstand manipuliert und urteilt ständig, doch hier geschieht nichts davon. Bevor ich eine Frage beantworte, muss ich nicht darüber nachdenken, ob ich Recht oder Unrecht habe. Das ist ja das Problem am Verstand: Er berechnet und manipuliert dauernd. Doch wenn die Worte einfach aus einer Spontaneität heraus entstehen, hat es niemals einen Verstand gegeben. Ich weiß nicht, ob ich deiner Meinung nach Recht oder Unrecht habe, und das ist mir auch egal. Hier sind keine Urteile, nichts. Es geschieht einfach!  

Wenn du sagst, du hättest keinen Verstand, meinst du dann, du hättest keine Erinnerungen, keine Erfahrungen, Sorgen und Konditionierungen, kein Wissen, all diese Dinge, die du von anderen bekommen hast, von der Gesellschaft, von den Lehrern? Meinst du damit, du hast keinen Verstand, der zum Beispiel den Körper steuert, wenn das notwendig ist?  

Ja, dafür ist gesorgt, auch wenn es viele Tage gab, an denen ich nichts zu essen hatte. Ich bin jenseits der Körperlichkeit und des Mentalen, der Verstand kann hier nicht existieren. All diese Emotionen und Anhaftungen sind transzendiert. Ich will damit nicht sagen, dass ich anders bin; in dem Moment, in dem ich sage, dass ich keinen Verstand habe, ist da das Gefühl, ich wäre anders als du. Es ist hässlich, das zu sagen, aber es ist wahr.  

Würdest du sagen: ?Ich bin an meinen Verstand nicht angehaftet?"   

Nein, ich sage: Es gibt keinen Verstand, an dem man angehaftet sein könnte! Anhaftung ist etwas anders. Ich habe überhaupt keinen Verstand, es gibt ihn nicht, er ist eine Illusion. Und wenn sich diese Illusion einmal aufgelöst hat, wo kommt dann alles her?   

Du sagst also, du hast seit deiner Jugend nie wirklich einen Verstand gehabt? Du hast nie wirklich in deinen Gedanken gelebt?  

Es gab nie Gedanken. Ich weiß nicht, wie ich das noch besser erklären soll. Ich habe keine Worte, um das auszudrücken. Ich war, was ich war. Vielleicht ist das, was ich als kleines Kind war und was ich heute bin, dasselbe. In mir gibt es keinen Unterschied, ich bin dasselbe. Was du über den Verstand sagst, ist relativ. Für mich existieren die Welt oder der Verstand nicht, aber da dieser Körper in der Welt lebt, glaubst du, ich wäre in der Welt. Und weil ich spreche, glaubst du, ich hätte einen Verstand. Doch das ist nicht wahr, es scheint nur so.   

Als du in einem Steuerbüro gearbeitet hast, muss das so ausgesehen haben, als hättest du einen Verstand, um all diese komplizierten Berechnungen durchzuführen.  

Nichts in der Art. Es war für alles gesorgt. Tatsächlich habe ich nicht viel darüber gewusst, ich hatte nicht einmal Ahnung von Computern. Als ich etwas über Computer lernen wollte, belegte ich einen Computerkurs. Die Lehrer dort waren ziemlich ablehnend. ?Du bist Steuerfachkraft und hast überhaupt keine Ahnung von Computern? Dann können wir dich unmöglich unterrichten!", meinten sie. Doch nach ein paar Tagen war ich die Beste in der Klasse. Ich war so gut, dass ich sogar den Lehrer korrigiert habe, wenn er falsch lag. Der war natürlich geschockt und dachte, ich hätte es vorher woanders gelernt und wolle ihn jetzt veralbern! (beide lachen) Das ist wirklich passiert, ich mache keinen Witz! Sie dachten tatsächlich, ich wäre nur zum Spaß dort, aber das war ich nicht. In dem Moment, als ich entschieden hatte, das zu lernen, kam das Wissen zu mir.

Da erkannte ich, dass Lernen für mich nicht notwendig ist. Ob in dieser Welt oder in einer anderen, nirgends ist es notwendig, etwas zu lernen. Immer steht alles zur Verfügung. Es ist wie bei einem Computer in einem Netzwerk: Der Computer erhält seine Daten vom Server - ganz einfach. Ich selbst, der Client-Computer, besitze nichts, ein Monitor reicht. Was auch immer der Server schickt, kommt zu mir, dem Client, das war´s! Dafür brauche ich keinen eigenen Prozessor. Das Absolute kümmert sich darum.

Wenn Menschen aus dem Westen mit ihrem Verstand kommen, ihrem Leid, ihren Sorgen, Anspannungen und Ängsten, kannst du sofort sehen, dass all das Illusion ist und nicht wahr? Was sagst du ihnen?  

Ob sie nun aus dem Westen kommen oder aus Indien: Leid und Schmerz sind nur Illusion. Du träumst und glaubst, du hättest einen Alptraum, weil ein Tiger hinter dir her ist, aber der Tiger ist ein Traumbild und die Angst auch. Bei jedem Leid, ob nun westlich, indisch oder was auch immer, ist es so: All das ist Illusion. Du glaubst, dass du leidest, das ist alles. Doch in Wahrheit gibt es kein Leid. In dir ist alles perfekt.

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Ramesh Balsekar

Ramesh hat als verheirateter Mann nicht nur seine Kinder großgezogen, sondern war auch in der Wirtschaft höchst erfolgreich. So arbeitete er lange für die Indische Bank, und wurde schließlich sogar deren Präsident. Nach seiner Pensionierung übersetzte er für Nisargadatta Maharaj, um sich anschließend selbst dem Lehren zu widmen. Er hat viele Bücher geschrieben, sowohl über die Lehren seines Meisters als auch über seine eigenen. Viele seiner Schüler sind inzwischen selbst bekannte Lehrer geworden. Ramesh gibt jeden Morgen Satsang   von 9.00 bis 10.30 Uhr in seiner Wohnung in Mumbai.

Ich traf Ramesh das erste Mal 1992. In den Jahren darauf kam ich immer wieder gerne in seine Wohnung, die er kaum noch verließ, um zum Beispiel zu hören, dass wir nicht die Handelnden sind, sondern dass alles, was uns geschieht, vom Schicksal bestimmt ist. Seinen allmorgendlichen Satsang gibt es nun schon seit mehr als zwanzig Jahren, und auch im Alter von 90 Jahren lädt er noch dazu ein. Sein Meister war Nisargadatta Maharaj, aber Ramesh hat immer gezeigt, dass er sich mit Sri Ramana Maharshi tief verbunden fühlt.

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Es erscheint mir essentiell wichtig zu sein, einem Guru zu begegnen und bei diesem Guru zu bleiben. Wer ist der Guru? Was ist seine Rolle? Wie erkennt man den wahren Guru?

Das erste und allerwichtigste, was ich dazu sagen möchte, ist: Es gibt nicht ?den" wahrhaftigen Guru . Es gibt viele Gurus . Und zu welchem Guru du gehen wirst, ob er echt ist oder falsch, hängt ganz von deinem Schicksal ab. Auch hängt es von deinem Schicksal ab, ob du fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre bei einem falschen Guru verbringen wirst. Es gibt keine klaren Unterscheidungsmerkmale zwischen einem echten und einem falschen Guru . Vielleicht gibt es einen Guru , der nicht vollkommen erwacht ist, und trotzdem kann durch ihn etwas vermittelt werden.

Stellen wir uns einmal vor, dass jemand fünfundzwanzig oder sogar dreißig Jahre bei einem Guru war. So ein Mensch ist innerlich natürlich sehr frustriert. Ich kenne so jemanden. Dreißig Jahre lang war er ein auffallend ehrlicher und ernsthafter Sadhaka (spirituell Suchender), doch irgendwann kam in ihm eine ziemliche Frustration hoch, die auch zu spüren war. So kam er zu mir, und nach zwei oder drei Jahren fand in ihm das tatsächliche Verstehen statt. Drei Monate danach starb er an Leukämie. Kurz vorher sagte er zu mir: ?Ramesh, das Untersuchungs-ergebnis enthielt sozusagen mein Todesurteil: fortschreitende Leukämie. Nachdem ich das gelesen hatte, fühlte ich mich so gut wie nie zuvor." Das war sein Schicksal.

Und was ist die Rolle des Guru?

Meiner Meinung nach besteht die Rolle des Guru zunächst darin, seinen Schülern beizubringen, dass alles, was er sagt, nur ein Konzept ist - und nicht die Wahrheit. Das Einzige, was dieses Konzept bewirken kann, ist Frieden und Harmonie in das Leben des Schülers zu bringen. Wenn das Konzept des Guru dich zu Frieden und Harmonie führt, so ist das dein Schicksal. Der Guru kann nichts weiter, als seine Konzepte zu vermitteln. Ob der Schüler dieses Konzept akzeptieren kann und ob es für ihn dann gut ist, hängt nur von seinem Schicksal ab. Für mich liegt die Aufgabe des Guru darin, dem Schüler mitzuteilen, dass alles nur ein Konzept ist. Der Guru sollte, so klar wie es ihm nur möglich ist, sein eigenes Konzept herausstellen, damit in dem Schüler keine Verwirrungen entstehen.

Hat der Suchende irgendeine Möglichkeit, einen wahren Guru zu
erkennen?

Wenn der Schüler in der Gegenwart des Guru wirklich das Gefühl hat, nach Hause gekommen zu sein, dann ist das sein Guru .

Sri Ramanas Schüler empfanden sehr große Verehrung für ihn, genauso wie er für den Arunachala. Welche Rolle spielt Bhakti , die Hingabe, auf dem Weg zum Erwachen?

Ob du Hingabe in einem Körper-Geist-Organismus erfährst oder nicht, hängt von deinem Schicksal ab, aber letztendlich führt auch Bhakti zu dem Ergebnis, von dem ich bereits gesprochen habe: Es gibt keinen Handelnden. Egal welchen Weg du einschlägst, alles unterliegt dem Willen Gottes und dem kosmischen Gesetz.

Ich möchte dir die Geschichte von Tukaram erzählen. Er ist ein sehr berühmter Heiliger aus Maharastra, ein vollkommener Bhakta (Verehrer Gottes). Tukaram war zunächst ein sehr ungebildeter Mann, der später jedoch mehr als fünftausend Verse schrieb. In der ursprünglichen Geschichte spricht er von seinem Guru Vitala als dem Tempel Vitobha, der für die Götter Krishna und Vishnu steht. Er sprach zu ihm: ?Herr, ein Jnani (jemand, der weiß) sieht dich ohne Form. Ich möchte dich bitten, dich mir in einer Form zu zeigen, die ich genießen kann, der ich folgen und zu der ich beten kann in allen meinen Leben."

Und Tukaram wurde immer wieder geboren, Leben um Leben in vollkommener Hingabe. Verstehst du, was ich meine? Das ist Bhakti . Als das wahrhaftige Verstehen dann zu Tukaram, dem Bhakta , kam, ging er in den Tempel und sagte zu Vitobha: ?Vitobha, du bist ein Lügner! Ich habe nicht gewusst, dass du und ich die gleiche Quelle sind, doch du wusstest es und hast trotzdem so viele Jahre lang die Anbetung von mir gefordert! Du bist ein Lügner!" So war aus dem Bhakta ein Jnani geworden. Der Bhakta sagt: ? Tvameva bhakta, tvameva karta ." ?Du bist der Genießer, du bist der Handelnde." Weiter sagt er: ?Du bist der Sprecher, du bist der Zuhörer. Du bist alles, was es gibt." Deshalb frage ich: Wie kann der Sprecher dann jemand anderes sein als du? Es sieht vielleicht so aus, als ob ich spreche und Premananda zuhört, oder Premananda spricht und Ramesh zuhört, doch ein Bhakta sieht, dass das nur so erscheint.

Was wirklich geschieht ist, dass Gott sich durch beide Körper-Geist-Organismen ausdrückt: Durch den einen spricht er und in dem anderen hört er zu. Der Unterschied zwischen beiden ist also, dass ein Jnani sagt: ?Ich bin nicht der Handelnde", während ein Bhakta sagt: ?Du bist derjenige der spricht, zuhört und genießt."

Grundsätzlich ist beides das Gleiche. Ich meine damit nicht, dass es zwei unterschiedliche Wege gibt, um das gleiche Ziel zu erreichen. Es werden verschiedene Worte benutzt, die aber das Gleiche bedeuten. Du bist der Einzige, der handelt. Du bist der Sprecher. Du fängst als Bhakta an und endest als Jnani , oder du fängst als suchender Jnani an und endest als Bhakta .

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