[Sri Ramanas Lebensgeschichte] [Sri Ramanas Lehre] [Wie praktiziere ich Selbsterforschung]

Auszug KAPITEL 1

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Sri Ramanas Leben am Arunachala
David Godman im Gespräch mit Premananda

David nimmt uns mit auf die verschiedenen Stationen in Sri Ramanas Leben. Das Kapitel beginnt mit seiner Geburt 1879 im südindischen Tamil Nadu. Sein Familienleben endete im Alter von 16 Jahren mit seiner plötzlichen spirituellen Verwirklichung. Der Ruf seines geliebten Arunachala, dem heiligen Berg in Tiruvanamalai, war zu stark, um ihm widerstehen zu können. David erzählt uns die Details von Sri Ramanas Leben am Arunachala: von seiner Zeit im tiefen Samadhi im Arunachaleswara Tempel, über sein Leben auf dem Berg in der Virupaksha Höhle und anschließend im Skanda Ashram, bis hin zu seinem Wirken als weltbekannter Meister im von ihm erbauten Ashram am Fuße des Berges.


Vom Berg herunter zu gehen, war der große Schritt in Bhagavans Leben. Als seine Mutter 1922 starb, wurde sie auf dem Hindu-Friedhof begraben. Das ist die Stelle, die heute der Ashram ist. Bhagavan lebte weiterhin im Skanda Ashram, aber ungefähr sechs Monate später kam er vom Berg herunter und ging nicht wieder hoch. Er sagte, er fühle keinen Impuls mehr wieder zurück zum Skanda Ashram zu gehen. Das war der Beginn des heutigen Ramana Ashrams.

Also ist der Ashram auf einem Hindu-Friedhof erbaut?

Ja. Damals lag der Friedhof weit außerhalb der Stadt. Jetzt hat sich die Stadt vergrößert und schließt den Ramana Ashram mit ein, und der jetzige Hindu-Friedhof ist eine Meile weiter außerhalb.

Wie war es möglich, dass der Ashram das Land hier übernehmen konnte?

Der Ort, an dem Bhagavans Mutter begraben war, gehörte einer religiösen Institution in der Stadt. Nach ihrem Tod holten Bhagavans Schüler die Erlaubnis ein, sie auf diesem Friedhof begraben zu dürfen. Der Leiter der Institution war auch ein Anhänger Bhagavans und hatte eine hohe Meinung von ihm, daher übergab er dem entstehenden Ramana Ashram das Grundstück.

Und das erste Gebäude war der Schrein über dem Grab der Mutter?

Na ja, Schrein ist vielleicht zuviel gesagt. Ein wirklich wundervolles Foto wurde 1922 gemacht, kurz nachdem Bhagavan sich hier niedergelassen hatte. Das einzige Gebäude das zu sehen ist, ist eine Hütte aus Palmblättern. Sie sieht aus, als ob ein kräftiger Windstoß sie umpusten könnte. Besucher haben berichtet, dass in dem Raum, in dem Bhagavan lebte, nicht einmal Platz für zwei Leute war. Das war das erste Ashram-Gebäude: eine Hütte aus Palmblättern, in die es wahrscheinlich hinein regnete.

Jetzt ist es wunderschön hier – Wasser, Bäume, Pfauen. Vor 80 Jahren muss alles sehr primitiv gewesen sein.

Ich habe mit dem Mann gesprochen, der das Land hier gerodet hat. Er hat mir erzählt, dass dort große Felsbrocken, viele Kakteen und Dornbüsche waren. Es war kein richtiger Wald. Es ist nicht das richtige Klima für einen üppigen Wald, und es gibt nicht so viel Erdreich. Der Granit ist oft sehr nah an der Oberfläche und es ist sehr steinig. Dieser Mann, Ramaswami Pillai, erzählte, dass er die ersten sechs Monate damit zugebracht hat Felsbrocken mit der Brechstange herauszustemmen, Kakteen abzuschneiden und den Untergrund zu ebnen.

War Sri Ramana in die anfänglichen Bauarbeiten involviert?

Ich glaube nicht, dass er die erste Hütte aus Palmblättern gebaut hatte, aber sobald er hierher gezogen war, hat er sich tatkräftig um den Bau gekümmert. Das erste richtige Gebäude über dem Samadhi (Grabstätte eines Heiligen) der Mutter wurde von ihm organisiert und gebaut.

Hast du gesehen, wie man hier Ziegelsteine herstellt? Das ist, als ob man Schlammkuchen backt. Man schichtet einen Schlammhaufen auf und benutzt dann eine Ziegelsteinform, um Tausende von Lehmziegeln zu machen, die man in der Sonne trocknen lässt. Wenn sie richtig trocken sind, stapelt man sie haushoch auf mit großen Löchern in Bodennähe, in die man Holzscheite steckt. Die Außenseite des Stapels wird mit feuchtem Schlamm versiegelt und die Scheite werden angezündet. Wenn das Feuer ordentlich brennt, wird auch der Boden versiegelt. Die Steine werden unter sehr hohen Temperaturen sauerstofffrei gebrannt, genauso wie bei Holzkohle. Nach zwei oder drei Tagen gehen die Feuer langsam aus, und wenn nichts schief gelaufen ist, sind die Steine fertig gebrannt. Wenn jedoch die Feuer zu früh ausgehen oder wenn es stark regnet, werden die Steine nicht richtig gebrannt. Wenn das geschieht, ist meistens die ganze Produktion verloren, weil die Steine weich und krümelig sind – mehr wie Kekse als Ziegelsteine.

In den 1920er Jahren war in der Nähe des Ashrams eine Produktion fehlgeschlagen, und all die halb gebrannten Steine wurden weggeworfen. Bhagavan, der Verschwendung jeder Art verabscheute, benutzte all diese kommerziell unbrauchbaren Steine, um einen Schrein über dem Grab seiner Mutter zu bauen. Eines Nachts ließ er alle Bewohner des Ashrams eine Reihe zwischen dem Brennofen und dem Ashram bilden. Die Steine wurden von Hand zu Hand weitergegeben, bis genügend Steine im Ashram waren, um ein Gebäude zu bauen. Am nächsten Tag mauerten er und seine Anhänger eine Wand um den Samadhi. Bhagavan arbeitete vor allem an der Innenseite der Wand, weil die Menschen meinten, dass die Innendekoration eines Tempels von einem Brahmanen gemacht werden sollte.

Das war das einzige Gebäude, das er selbst gebaut hat. Jahre später, als die großen Granitgebäude errichtet wurden, die heute den Hauptteil des Ashrams ausmachen, war er der Architekt, der Ingenieur und der Bauleiter. Er war jeden Tag dort, gab Anweisungen und überwachte die Baustelle.

Du sagst, er verabscheute Verschwendung. Kannst du ein bisschen mehr darüber sagen?

Er hatte die Einstellung, dass alles, was in den Ashram kam, ein Geschenk Gottes war, und dass es richtig verwendet werden sollte. Er pickte zum Beispiel heruntergefallene Senfsamen mit den Fingernägeln vom Küchenboden auf und bestand darauf, dass sie noch verwendet wurden. Er hat von Probedrucken von Ashram-Büchern immer die weißen Ränder abgeschnitten, sie zusammengenäht und kleine Notizbücher daraus gemacht; er hat versucht bestimmte Gemüseteile zu kochen, die man normalerweise wegwirft, zum Beispiel die stacheligen Enden von Auberginen. Er gab zu, dass er diesbezüglich etwas fanatisch war. Einmal meinte er: „Wie gut, dass ich niemals geheiratet habe. Keine Frau hätte mit meinen Gewohnheiten zurechtkommen können.”

Noch einmal zurück zu seinen Aktivitäten beim Bauen: Wie sehr war er in die tagtäglichen Entscheidungen involviert? Hat er zum Beispiel entschieden, wo Fenster und Türen hinkamen?

Ja. Entweder hat er mit Worten erklärt, was er wollte, oder er hat auf die Rückseite von Briefumschlägen oder auf Papierschnipsel kleine Skizzen gezeichnet.

Was du jetzt beschreibst ist ein völlig anderer Sri Ramana als der, der den ganzen Tag in Samadhi saß. Die meisten Menschen glauben, dass er sein ganzes Leben in Stille sitzend in der Halle verbracht hat, mit Nichtstun.

Er saß nicht gerne den ganzen Tag in der Halle. Er sagte oft, dass sie sein Gefängnis sei. Wenn er irgendwo im Ashram arbeitete und Besucher kamen, wurde er in die Halle gerufen. Dort traf er normalerweise die Neuankömmlinge. Dann seufzte er und meinte: „Es sind Leute gekommen. Ich muss wieder ins Gefängnis.”

„Muss gehen und auf der Couch sitzen.“

Ja. „Muss gehen, auf der Couch sitzen und Leuten erzählen, wie sie erleuchtet werden.”

Bhagavan mochte alle Arten von körperlicher Arbeit, aber besonders gefiel ihm das Kochen. Er war der Chefkoch des Ashrams, mindestens fünfzehn Jahre lang. Er stand jeden Morgen um zwei oder drei Uhr auf, schnitt Gemüse und beaufsichtigte das Kochen. Als die neuen Ashram-Gebäude in den 1920er und 1930er Jahren gebaut wurden, war er auch der leitende Ingenieur und Architekt.

Ich denke, dass das, was du gerade erzählt hast, wichtig ist. Menschen haben oft ein Bild von ihm als Mann, der entrückt auf einer Couch saß und nichts tat. Du beschreibst hier aber einen vollkommen anderen Menschen.

Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hat sich sein Zustand nie geändert, aber seine äußeren Aktivitäten schon. Am Anfang seines Lebens hier am Arunachala war er still und tat kaum etwas. Dreißig Jahre später hatte er einen hektischen und geschäftigen Terminplan, aber seine Erfahrung davon, wer er war, veränderte sich auch in dieser Phase der Geschäftigkeit nie.

Mir gefällt die Art, wie du sprichst, weil du viele spirituelle Mythen entlarvst.

Bhagavan hat sich in den Situationen nie wohl gefühlt, in denen er auf einer Couch saß in der Rolle eines „Guru”, und alle um ihn herum auf dem Fußboden saßen. Er hat gerne mit Menschen gearbeitet und gelebt, ging mit ihnen normal und natürlich um. Aber als die Jahre vergingen, war es immer weniger möglich so zu leben.

Eins der Probleme war, dass Menschen oft vollkommen überwältigt von ihm waren. Die meisten konnten in seiner Gegenwart nicht normal handeln. Viele Besucher wollten ihn auf ein Podest stellen und ihn wie einen Gott behandeln, aber das schien ihm nicht angenehm zu sein.

Es gibt ein paar nette Geschichten über Neuankömmlinge, die sich ganz natürlich verhielten und mit denen Bhagavan auch ganz natürlich umging. Major Chadwick schrieb, dass Bhagavan nach dem Mittagessen oft in sein Zimmer kam, seine Sachen durchsuchte wie ein neugieriges Kind, auf dem Bett saß und mit ihm plauderte. Aber als Chadwick einmal einen Stuhl hinstellte in der Erwartung, dass Bhagavan gleich käme, haben seine Besuche aufgehört. Chadwick hatte die Grenze überschritten zwischen der Freundschaft mit jemandem, der vorbeikam, und einem Guru, der Respekt und einen besonderen Stuhl brauchte. Als er diese Formalität einführte, hörten die Besuche auf.

Also sah er sich selbst als einen „Freund” und nicht als „den Meister”.

Bhagavan hatte keine Wahrnehmung von sich selbst, er reagierte einfach auf die Art, wie die Menschen um ihn herum über ihn dachten und ihn behandelten. Er konnte ein Freund sein, ein Vater, ein Bruder, ein Gott – je nach der Art und Weise, wie ein Anhänger sich ihm näherte. Eine Frau war überzeugt, dass Bhagavan ihr kleiner Sohn war. Sie hatte eine kleine Puppe, die aussah wie Bhagavan, und sie wiegte sie wie ein Baby, wenn sie in seiner Gegenwart war. Ihr Glaube an diese Beziehung war so stark, dass ihre Brüste begannen Milch zu geben, wenn sie ihre Bhagavan-Puppe im Arm hielt.

Bhagavan schien mit jeder Art von Guru-Schüler-Beziehung einverstanden zu sein, die die Aufmerksamkeit des Anhängers auf das Selbst oder auf die Form des Guru gerichtet hielt, aber gleichzeitig mochte und genoss er Menschen, die ihn als einen normalen Menschen behandeln konnten.

Bhagavan sagte manchmal, dass es egal ist, wie du den Guru siehst, so lange du die ganze Zeit an ihn denken kannst. Als ein extremes Beispiel zitierte er zwei Menschen aus längst vergangener Zeit, die erleuchtet wurden, weil sie Gott so sehr hassten, dass sie nicht aufhören konnten an Ihn zu denken.

Es gibt einen Ausdruck in Tamil, der sich übersetzen lässt als „Mutter-Vater-Guru-Gott”. Viele Menschen empfanden so für ihn. Bhagavan selbst sagte, dass er nie das Gefühl hatte ein Guru in einer Guru-Schüler-Beziehung mit jemandem zu sein. Seine öffentlich verkündete Meinung war, dass er überhaupt keine Schüler hätte, weil es aus der Perspektive des Selbst niemanden gibt, der anders oder getrennt von ihm ist. Da er das Selbst war, wusste er, dass nur das Selbst existiert, und dass es keine „nicht-erleuchteten“ Menschen gibt, die erleuchtet werden mussten. Er sagte, dass er um sich herum immer nur erleuchtete Menschen sah.

Trotzdem hatte Bhagavan für Tausende von Menschen, die an ihn glaubten und versuchten seine Lehren auszuführen, ganz klar die Funktion eines Guru.

Zu welcher Zeit war Sri Ramana aktiv in die Bauarbeiten involviert?

Der Ashram wandelte sich um 1930 von einer Ansammlung von Palmblattkonstruktionen zu Steingebäuden. Die große Bauphase war 1930-1942. Der Tempel der Mutter wurde danach gebaut, aber Bhagavan hat die Planung und die Konstruktion nicht so sehr überwacht. Für diese Arbeit waren Tempelbauexperten beauftragt worden. Bhagavan besuchte die Baustelle regelmäßig, aber er war nicht so involviert in Entscheidungen.

Wenn jemand in diesen zwölf Jahren im Ashram zu Besuch gekommen wäre, hätte er nicht den Sri Ramana gefunden, der auf der Couch sitzt. Er hätte ihn draußen bei der Arbeit gefunden, und beim Überwachen der Arbeiten.

Je nachdem zu welcher Tageszeit sie gekommen wären. Bhagavan hatte eine Routine, die er einhielt. Er war morgens und abends für je 45 Minuten immer in der Halle zum Chanten. Und er war jeden Abend dort und redete mit den Menschen, die im Ashram arbeiteten und ihn während des Tages wegen ihrer verschiedenen Pflichten nicht sehen konnten. Er war dort, wenn Besucher kamen, die mit ihm sprechen wollten. Er ging regelmäßig auf den Berg oder nach Palakottu, ein Gebiet neben dem Ashram. Diese Spaziergänge fanden normalerweise nach den Mahlzeiten statt. Er arrangierte seine anderen Aufgaben um diese Aktivitäten herum. Wenn nichts oder niemand seine Aufmerksamkeit in der Halle benötigte, ging er manchmal nachsehen, wie die Köche vorankamen oder er ging in den Kuhstall, um nach den Kühen des Ashrams zu sehen. Während großer Bauprojekte ging er oft hinaus, um den Fortschritt der Arbeiten zu überprüfen. Meistens jedoch machte er seine Runde durch die Baustellen nach dem Mittagessen, wenn alle anderen einen Mittagsschlaf hielten.

Er überwachte viele Arbeiter, nicht nur die Bauarbeiter. Es gab Anhänger, die unter seiner Aufsicht in der Halle Bücher banden und reparierten, die Köche arbeiteten nach seinen Anweisungen, und so weiter. Das einzige Gebiet, in das er sich anscheinend nicht einmischen wollte, war das Ashram-Büro. Er ließ seinem Bruder dort ziemlich freie Hand, er griff nur manchmal ein, wenn er das Gefühl hatte, dass etwas getan werden müsste, das vernachlässigt worden war.


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Auszug KAPITEL 6

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Kommentar zu Sri Ramanas

Lehre „Wer bin ich? “(Nan Yar)

aus vedantischer Sicht

James Swartz im Gespräch mit Premananda

[Sri Ramanas Originaltexte sind fett gedruckt]

James beginnt mit einer Einführung in Vedanta. Er weist darauf hin, dass Sri Ramana sowohl die Yoga- als auch die Vedanta-Tradition respekierte, obwohl er kein traditioneller Lehrer war. James erklärt, dass „Entfernen“ das Entfernen unserer Unwissenheit meint und nicht das der Welt, da wir gar nicht in der Lage sind diese zu entfernen. Unsere Vorstellungen müssen gehen, nicht unser Verstand. Er betont, dass Sri Ramana sich verwirklicht hatte, weil er wusste, dass er das Selbst war. Im Verständnis von sich selbst gab es keine Dualität mehr.


Viele Menschen aus dem Westen haben keine Ahnung, was Sadhana (spirituelle Praxis) ist. Sie glauben tatsächlich, dass sie sich nur ein Ticket nach Indien besorgen müssen, eine spirituelle Rundreise machen und ein oder zwei Satsangs (Begegnungen in Wahrheit) besuchen müssen und schon werden sie „erwachen“. Vielleicht werden sie ein paar Erlebnisse haben, aber wenn sie dadurch „erwachen“, werden sie mit Sicherheit wieder einschlafen, meistens deshalb, weil keine Sadhana vorhanden ist. Es gibt auch Gurus, die selbst Sadhana praktiziert haben, die aber ungern sehen, dass ihre Schüler sie praktizieren – ich nehme an aus Angst sie zu verlieren. Du kannst viele Menschen in Tiruvannamalai treffen, die bei Ramesh Balsekar waren und scheinbar die Vorstellung mitbekommen haben, dass sie nicht „der Handelnde“ sind. Ihre Sadhana ist: keine Sadhana. Warum? Weil ihnen gesagt wurde, dass es nichts gebe, was sie tun könnten, denn man habe seine eigene Erleuchtung nicht in der Hand. Es sei alles „Gnade“. Ich kann nicht sehen, warum die Entschlossenheit, intensiv Sadhana auszuüben, nicht ebenso Gottes Gnade sein soll – aber so stellt es sich dar.

Es stimmt, dass du nicht der Handelnde bist, aber dieses Du, das nicht der Handelnde ist, ist das Selbst. Das Ego wird nicht zum Nicht-Handelnden, indem es versucht nichts mehr zu tun. Diese Art der Lehre ist sehr irreführend, denn sie ist für das Ego zurechtge-schnitten.

Sri Ramana stimmt in Bezug auf Sadhana ganz mit dem traditionellen Vedanta überein. Reinheit ist mindestens genauso wichtig wie wahres Wissen, vielleicht sogar wichtiger, denn ohne einen klaren Verstand wirst du kein Wissen, Jnanam erlangen. Diese Lehre passt nicht so gut zu den heutigen Vorstellungen. Die Menschen möchten alles auf einem Tablett serviert bekommen. Das erklärt die Berühmtheit solcher Shaktipat (vom Guru zum Schüler übermittelte Energie) Gurus wie Amachi und Wundervollbringern wie Sai Baba. Um sie herum findet man eine ganze Anzahl von Menschen, die tatsächlich glauben, dass der Guru die Arbeit für sie erledigt!

Aber Sri Ramana hat keine Sadhana gemacht, um erleuchtet zu werden.

Das stimmt – aber danach hat er sicherlich Sadhana gemacht. Da er bereits wusste, wer er war, hätte er nicht jahrelang in Höhlen sitzen und meditieren müssen. Er hätte nach Hause gehen können, Iddlis (Reisfladen) essen, die seine Mutter zubereitet hat, und Cricket spielen, denn für ihn war alles gleichwertig. Aber das hat er nicht getan. Sondern er hat sich dafür entschieden seinen Verstand zu reinigen. Sri Ramanas Schönheit lag nicht in seiner Erleuchtung. Die war genauso wie jede andere Erleuchtung, die es jemals gegeben hat. Seine Schönheit bestand in seinem reinen Verstand. Er brachte seinen Verstand zu einer leuchtenden Intensität, die außergewöhnlich strahlte – ein großer Segen für ihn und alle, mit denen er Kontakt hatte. So einen Verstand entwickelt man nur durch ernsthafte Sadhana oder Yoga. Die modernen Gurus, besonders die sogenannten „Gurus der verrückten Weisheit“, die ihren krassen Verstand zu genießen scheinen, lehnen es ab die Menschen zur Weiterentwicklung zu ermutigen, weil sie nicht die reiche Freude verstehen können, die in einem reinen Verstand entsteht.

Lass uns nun zu „Nan Yar“ (Wer bin ich?) kommen, zu jenem kleinen Büchlein, das die Kernlehren Sri Ramanas enthält. (Den gesamten Originaltext findet man in Kapitel 4. Die Nummern der Fragen stehen in Klammern.)

James, ich möchte dich bitten, diese Lehren zu kommentieren.

    Wer bin ich? [F1]

Sri Ramana antwortet mit einer typischen Lehre aus dem Vedanta, pancha kosas genannt, die fünf Hüllen. Man findet sie in den Upanishaden. Er negiert diese fünf Hüllen (und andere falsche Ansichten über das Selbst).

    Wenn ich dies alles nicht bin – wer bin ich dann? [F2]

    Er antwortet: „Ich bin das, was nach der Verneinung all des oben Erwähnten als ‚nicht dies, nicht das’ allein übrig bleibt: Gewahrsein.”

    Was ist die Natur dieses Gewahrseins? [F3]

    „Die Natur des Gewahrseins ist Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit.”

    Wann hat man das Selbst erkannt? [F4]

    „Wenn die Welt, die das Gesehene ist, entfernt worden ist, wird die Erkenntnis des Selbst als das Sehende geschehen.“

Die Frage „Wann hat man das Selbst erkannt?“ ist ein typischer Yoga-Gedanke. Yoga ist etwas für Aktive, die etwas erreichen wollen. Er oder sie glauben, dass das Selbst etwas ist, das nicht immer zur Verfügung steht. Es ist etwas, das man erlangen muss. Es ist ganz natürlich, dass man etwas will, wenn man der Meinung ist, dass es einem in irgendeiner Weise gut tut. Eine Bedeutung des Wortes Yoga ist „bekommen“. Natürlich kann man nur etwas bekommen, was man noch nicht besitzt.

Vedanta, die Wissenschaft über die Erforschung des Selbst, behauptet, dass es nicht möglich ist, das Selbst irgendwann in der Zukunft als Resultat einer Handlung zu erlangen. Man nennt Vedanta auch den Weg des Verstehens und es verwendet eine Sprache der Identität, die zum Beispiel sagt: „Du bist reines Gewahrsein.“ Das heißt, dass du das Selbst nicht erlangen kannst, weil du es bereits bist. Wenn es etwas zu erlangen gibt, dann nur das Wissen über das Selbst. Und das Wissen über das Selbst ist lediglich der Wegfall von Unwissen, denn du weißt bereits, wer du bist.

Man nennt diese Lehre auch „Die Unterscheidung zwischen dem Subjekt (dem Seher) und den Objekten (dem Gesehenen)“. Sie begründet das Verstehen, dass das, was du als ein Erlebnis „ansiehst“ – das gilt auch für mystische Erlebnisse – nicht das Selbst ist, sondern dass das, was diese Erlebnisse sieht, nämlich du, das Selbst ist. Das heißt, dass du erkennen wirst, wer du wirklich bist – also verstehen, dass du das Selbst bist –, sobald du dich von deinen Erlebnissen gelöst hast.

Sri Ramanas Antwort ist vollkommen in Harmonie mit der traditionellen Vedanta-Lehre – zum Beispiel mit den Upanishaden, der Bhagavad Gita und Shankaras Drk-Drksha Viveka. Sri Ramana zeigte größten Respekt für das Wissen, wie es im Vedanta verankert ist. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Vorstellung war er äußerst versiert in den Schriften. Er verfasste sogar eine Schrift, die von der traditionellen Vedanta-Gemeinschaft den Status der Upanishaden erteilt bekam – das ist wirklich eine große Ehre!

Was ich an Sri Ramana sehr bewundere ist, dass er es ablehnte – anders als die modernen Lehrer – aus der Selbsterforschung eine eigene klevere Lehre zu zimmern. Seine Antworten waren immer vollkommen in Harmonie mit den Schrifen, sowohl denen des Yoga als auch des Vedanta. Obwohl Sri Ramana bereits vor einem halben Jahrhundert starb, war er doch ein sehr „moderner“ Heiliger, wenn man bedenkt, dass die vedische spirituelle Tradition viele tausend Jahre alt ist.

Nun, warum lehnte er es ab? Weil es keiner kleveren, modernen Lehre bedarf! Das ganze Geschäft des „Was ist Erleuchtung“ und „Wie erreiche ich Erleuchtung“ wurde bereits vor langer Zeit ausgearbeitet. Erleuchtung ist ein sehr einfaches Verstehen des Selbst und seiner Beziehung zu Erlebnissen, zum Ego, das Erlebnisse hat und zu den Formen, die das Ego erlebt. Kurzgesagt ist es das Verstehen, dass die Formen vom Selbst abhängen, aber das Selbst nicht von den Formen. Diese Freiheit von Erfahrungen nennt man Moksha, Befreiung. Dieses Wissen wurde klar festgelegt lange bevor Sri Ramana auf der Bildfläche erschien und bedarf keiner Interpretation oder einer neuen Terminologie.

Sri Ramana weiß wahrscheinlich, dass die Frage „Wann hat man das Selbst erkannt?“ ungenau ist und dass die Person, die sie stellt, es nicht verstehen würde, wenn er die Frage umdrehen würde. Also nimmt er sie für bare Münze und beantwortet sie auf traditionelle Weise. Kannst du meine Erinnerung über das, was er antwortet ein wenig auffrischen? Du hast ja seine Worte auf Papier vor dir.

Sri Ramana sagt: „Wenn die Welt, die das Gesehene ist, entfernt worden ist, wird die Erkenntnis des Selbst als das Sehende geschehen.“

Diese Aussage ist reines Vedanta. Die entscheidenden Worte sind „… entfernt worden ist“. Wie kann man diese Worte verstehen „… entfernt worden ist“? Was für eine Art Entfernen ist das? Ist das die yogische Sicht, dass die vollkommene Zerstörung der unbewussten Neigungen (Vasanas) es dir ermöglicht „das Selbst zu erreichen“? Oder ist es die vedantische Sicht, dass nur die Vorstellung entfernt werden muss, dass die Welt vom Selbst getrennt ist?

In Sri Ramanas Lehren kann man beide Ansichten finden. Eine nennt man die Vasana Kshaya-Erleuchtungstheorie aus dem Vedanta und die andere heißt Manonasa und kommt aus dem Yoga. Das Wort „Welt“ ist im Yoga eigentlich ein psychologischer Ausdruck und damit ist nicht die physische Welt gemeint. Das Selbst ist die physische Welt – in sofern sie physisch ist. Kein Mensch hat sie erschaffen und auch kein Mensch wird sie entfernen. Aber die „Welt“, von der Sri Ramana sagt, dass sie entfernt werden muss, ist eine Projektion der Psyche, die unsere persönlichen „Welten“ erschafft – und das ist nichts anderes als Unwissenheit. Diese Projektionen basieren auf einem falschen Verständnis vom Selbst, nämlich auf dem Glauben, dass das Selbst getrennt, mangelhaft und unvollständig ist.

Sri Ramanas Lehre, die identisch mit der Lehre der Upanishaden ist, nennt man Vichara, Erforschung. Das Ziel der Erforschung ist wahres Wissen und nicht das physische Entfernen des Verstandes. Hätte er Yoga als Weg zur Befreiung gelehrt, hätte er nicht die Erforschung empfohlen, denn Yoga glaubt an das Erleben von Samadhi und nicht an das Verstehen, dass wir das Selbst sind.

Das ist interessant. So klar dargestellt habe ich das zuvor noch nie gehört.

Also, richtig revolutionär ist das nicht. Die Menschen sehen in Sri Ramana das, was ihrem Glauben entspricht. Es mag widersprüchlich erscheinen, aber wenn du die Tradition kennst, aus der Sri Ramana kommt, weißt du, dass diese Aussage reines Vedanta ist. Yoga ist und war schon immer sehr beliebt. Ich war ein Fettsack, als ich in meiner Zeit als Geschäftsmann mit Hatha Yoga anfing, um die Muskulatur zu trainieren. Durch Meditation erarbeitete ich mir meinen Weg zu sehr tiefen Samadhi-Zuständen. Dann erkannte ich, dass das Selbst kein Zustand ist, und später trat glücklicherweise ein Guru in mein Leben und rückte mich zurecht. Ich will Yoga gar nicht angreifen! Yoga, die Reinigung durch Sadhana, ist für die Erleuchtung essentiell, aber sie ist eine indirekte Methode.

Ich dachte das Ziel wäre Sahaja Samadhi?

Das sagen die Yogis, aber es ist nur eine Methode! Befreiung bedeutet freisein von Erlebnissen – und Samadhi ist ein Erlebnis. Im Gegensatz zu weithin bekannten Weisheits-Vorstellungen sind Samadhis nicht das endgültige Ziel. Sama bedeutet gleichwertig und dhi ist die Kurzform von Buddhi, dem Intellekt. Es meint also einen Verstand, der alles gleichwertig schätzt. Sahaja bedeutet einfach nur „beständig“ und „natürlich“. Es ist also ein Verstand, der beständig nonduale Visionen hat. Wahrscheinlich kannst du solch einen Verstand durch die schwierigen Übungen des Asthanga Yoga erreichen. Aber warum solltest du dir diesen Stress antun, wenn du bereits die ganze Zeit auf natürliche Weise im Samadhi bist, ohne auch nur einen Handstreich dafür zu tun?

Oh, wie denn das?

Als das Selbst. Das ist keine Vision, die beständig ist, aber da das Selbst nicht der Zeit unterworfen ist, ist das Selbst natürlicherweise beständig. Es ist deine Natur.

Wie dem auch sei, kein Samadhi ist das Gleiche wie Erleuchtung, weil Samadhis nur Zustände des Verstandes oder des „Nicht-Verstandes“ sind; wobei auch der „Nicht-Verstand“ nichts weiter als ein Zustand des Verstandes ist. Nirvikalpa Samadhi (höchster transzendentaler Zustand des Bewusstseins) ist zwar nondual, aber leider ein Zustand, der leicht zerstört werden kann. Und in diesem Zustand gibt es kein Individuum mehr. Wenn er also endet, ist die Unwissenheit über die Natur des Selbst nicht entfernt worden und man erlebt erneut ein Gefühl der Begrenzung.

Samadhi trägt dazu bei den Verstand zu reinigen, indem es unterbewusste Neigungen verbrennt, und es ist eine große Hilfe bei der Erforschung. Aber wenn der Verstand entfernt ist, wie machst du dann die Erforschung? Und wer wird dann die Erforschung machen? Du machst die Erforschung mit dem Verstand für den Verstand, denn so kann er seine Unwissenheit abwerfen und wird dich nicht länger belästigen. Der Verstand ist ein sehr hilfreiches, gottgegebenes Instrument. Hätte Gott uns einen Verstand gegeben, wenn er gewollt hätte, dass wir ihn zerstören? Und Tatsache ist, dass es im Yoga auch nicht darum geht den Verstand zu töten, denn wie willst du ein Samadhi erleben, wenn du keinen Verstand hast? Der Verstand ist das Instrument für Erlebnisse.

Wenn du es unbedingt auf Nirvikalpa Samadhi abgesehen hast, in dem es keinen Verstand mehr gibt – okay. Aber das Problem bei Nirvikalpa Samadhi ist, wenn eine Fliege auf deiner Nase landet, dann fällst du wieder raus – obwohl ja niemand da ist, der „rausfallen“ könnte. Und wenn das Ich, das nicht mehr da war, wieder „zurückkommt“, dann bist du genauso unwissend wie zuvor. Denn während des Samadhi warst du nicht da, um zu erkennen, dass du selbst das Samadhi bist. Wenn du selbst das Samadhi bist, dann wirst du es auch immer haben, weil du dich selbst ja die ganze Zeit über hast. Dann gibt es keine Sorgen mehr darüber, das Samadhi bewusst oder dauerhaft werden zu lassen.

Okay. Du meinst also, dass Samadhi nicht das Ziel sondern das Mittel ist?

Ja. Nicht „das“ Mittel, sondern „ein“ Mittel. Es gibt auch andere Wege, den Verstand zu reinigen. Diese Botschaft wird oft missverstanden und sorgt wahrscheinlich für mehr Verzweiflung, Verwirrung und totale Frustration als jede andere! Es ist ein gängiger Glaube, dass „entfernen“ bedeutet, alle Vasanas physisch ausrotten zu müssen, bevor Erleuchtung geschehen kann. Und viele Menschen glauben, dass Sri Ramana diesen Zustand „erreicht“ hatte.

Wenn du Sri Ramanas Leben studierst, wirst du sehen, dass er im Großen und Ganzen ein ganz normaler Mann war – mit dem Kopf in den Wolken und den Füßen fest am Boden. Er ging, redete, kochte, las und hörte Radio. Ich liebe die Geschichte über ihn, als er eines Mittags um ein Uhr zurück zum Ashram kehrt und am Eingang ein Schild sieht auf dem steht, dass der Ashram von zwölf bis vierzehn Uhr geschlossen ist. Also setzt er sich vor das Tor und wartet darauf, dass er wieder geöffnet wird. Wenn er keinen Verstand gehabt hätte, wer oder was hat dann all diese Dinge getan? Keine Vasanas bedeutet auch kein Verstand, denn Vasanas sind die Ursache des Verstandes. Wie hat er sich um die alltäglichen Dinge gekümmert? Ich finde, wir sollten das Wort „entfernen“ anders definieren.

Sri Ramana nannte man einen Jnani, jemanden der das Selbst erkannt hat, weil er die Vorstellung darüber entfernt hatte, dass er der Handelnde war – das nennt man Sarva Karma Sannyasa –, und das geschieht, wenn man erkennt, dass man das Selbst ist. Oder man erkennt, dass man das Selbst ist, wenn man realisiert hat, dass man nicht der Handelnde ist. „Nicht der Handelnde“ bedeutet das Selbst. Es bedeutet nicht, dass das Ego zum Nichthandelnden wird. Das Ego ist immer der Handelnde. Als das Selbst hat Sri Ramana verstanden, dass die wenigen, nicht greifenden Vasanas, die noch übrig waren, an ihn gebunden waren und nicht er an sie. Für ihn als das Selbst waren sie nicht bindend. Wie kann ein Gedanke oder ein Gefühl das Selbst berühren? Ein Mensch, der denkt, dass er oder sie der Handelnde ist, hat nicht die Wahl, Vasanas zu leben oder nicht. Handlungen geschehen unkontrolliert, weil das Ego unter dem Druck der Vasanas steht, auf bestimmte Weise zu handeln. Für einen Jnani stehen Vasanas zur Wahl, für einen normalen Menschen sind sie zwingend.

Das „Entfernen“ von dem Sri Ramana spricht, bezieht sich also nur auf das wahre Wissen. Oft benutzt er auch eine Metapher aus dem Vedanta – die Schlange und das Seil. In der Dämmerung verwechselte ein müder, durstiger Reisender das Seil am Eimer mit einer Schlange und schreckte vor Angst zurück. Als er sich gefasst hatte und seine Angst allmählich nachließ, erkannte er, dass die Schlange einfach nur ein Seil war. Es gab keinen Grund einen Stock zu nehmen und die Schlange totzuschlagen (das ist gleichzusetzen mit der Zerstörung des Verstandes), weil die Schlange nur eine Täuschung war. Als er sich beruhigt hatte und sein Kopf wieder klar wurde (nach einiger Erforschung) untersuchte er die Schlange und fand heraus, dass sie nur ein Seil war. Und diese Erkenntnis „entfernte“ die Schlange.

Meinem Verständnis nach meinte er mit „entfernen der Welt“ das Entfernen aller Anhaftungen an den konditionierten Verstand.

Und wie soll das stattfinden?

In seinem Ashram saßen seine Schüler einfach jahrelang nur und haben nichts getan. Sein persönlicher Begleiter, Annamalai Swami, hatte zehn bis fünfzehn Jahre täglichen Kontakt mit Sri Ramana und in jeder Minute, in der sie nicht arbeiteten, saßen sie still zusammen. Dann, eines Tages, sagte Sri Ramana zu Annamalai Swami: „Hör jetzt auf zu arbeiten, geh weg und sitze einfach still.“ Danach saß er fünfzig Jahre in seinem Zimmer und hat nie mehr einen Fuß in Sri Ramanas Ashram gesetzt (siehe Kapitel 3). Sri Ramana selbst hatte auch fünfzehn Jahre in der Virupaksha Höhle gesessen und es waren nur wenige Leute bei ihm. Das war viel stilles Sitzen und das Beobachten aller Gedanken, die aufkommen.

Naja, Sitzen und Nichtstun ist auch eine Art Tun. Du kannst sogar an ein Leben in Meditation angehaftet sein, du kannst an alles angehaftet sein. Sannyasins (jemand, der bewusst der Welt entsagt) können sogar an ihren Gehstock und ihre Schale angehaftet sein! Und ja, diese Idee ist absolut auf der gleichen Linie mit traditioneller, vedantischer Sadhana. So steht es auch in „Wer bin ich?“. Zuerst beruhigst du den Verstand und danach bist du bereit für die Erkenntnis, dass du das Selbst bist. Um den Verstand zu beruhigen gibt es keinen besseren Weg, als in unmittelbarer Nähe eines Menschen wie Sri Ramana zu sein, dessen Verstand außergewöhnlich still war. Das legt die Tonart fest, und der Verstand des Schülers wird sich ihr angleichen. Je länger du anscheinend nichts tust, desto deutlicher erkennst du, dass du überhaupt nichts dafür tun musst, um das zu sein, was du bist. Diese Übung wird allmählich den Handelnden sterben lassen.

Eine der irrtümlichen Annahmen über Vedanta ist, dass das Sprechen die Stille verdeckt. Worte seien nur „intellektuell“ und deshalb aus spiritueller Sicht wertlos. Aber das stimmt nicht. Mein Guru Swami Chinmaya, ein berühmter Meister des Vedanta, hatte viele erleuchtete Schüler, und er hat unaufhörlich gesprochen! Aber seine Worte kamen alle aus der Stille, aus dem Selbst, und richteten so den Verstand der Zuhörer auf das Selbst. Worte und Stille sind also nicht unbedingt ein Gegensatz. Sri Ramana hatte einen Verstand, er hat gesprochen. Er benutzte ihn sein ganzes Leben lang sehr effektiv.

Ja.

Er entfernte also keine Vasanas.

Vielleicht entfernte er die Anhaftung an sie? Er hatte bestimmt den Wunsch, zurück zu seiner Familie zu gehen. Er tat es aber nicht, und als seine Mutter das erste Mal zu ihm kam, schickte er sie wieder weg! Er war überhaupt nicht mehr verwickelt.

Ja, weil er verstanden hatte, dass er das Selbst war. Der Weg, alle Anhaftungen auf einen Schlag zu verlieren, ist die Erkenntnis, dass man das Selbst ist.

Das Selbst wird oft als dauerhafte Erfahrung bezeichnet.

Sicher, aber das Selbst ist bereits eine „dauerhafte Erfahrung“. Oder wir können es auch so sagen: Wenn das hier eine nonduale Realität ist und diese Realität ist das Selbst, dann ist auch jede einzelne Erfahrung das Selbst. Niemand hat also zu wenige Erfahrungen des Selbst, weder der Unwissende noch der Erleuchtete. Aber das Problem ist, dass nur sehr wenige Leute verstehen, dass alles das Selbst ist. Deshalb sind sie auf der Suche nach diesen unglaublichen Erfahrungen des Selbst.

Ist das Selbst eine dauerhafte Erfahrung?

Nein, das Selbst „ist“ dauerhafte Erfahrung, falls es so etwas gibt. Tatsache ist, dass der Ausdruck „dauerhafte Erfahrung“ ein Widerspruch in sich ist. Das Selbst wird zur Erfahrung, aber es gibt dafür nicht seine Natur als nicht handelnder, nicht erfahrender Zeuge auf. Das heißt, du bist frei von deinen Erfahrungen. Besser ausgedrückt: Erfahrungen sind das Selbst, aber das Selbst ist keine Erfahrung.

Wenn jemand von „dauerhafter Erfahrung“ spricht, heißt das, sich beständig an das Selbst zu erinnern?

Ja, sich zu erinnern ist bis zu einem gewissen Punkt hilfreich. Aber dieses Erinnern, genauso wie Erfahrungen, kann nicht dauerhaft sein. Wissen ist beständig. Wenn wahres Wissen geschieht, dann war es das! Erinnern ist eine Art mentaler Aktivität und enthält auch Vergessen. Wenn du weißt, dass du das Selbst bist, gibt es nichts mehr, an das du dich erinnern müsstest. Wie soll man sich denn an das erinnern, was man ist? Du bist derjenige, der sich erinnert! Vor dem Akt der Erinnerung stehst immer du. Du kannst nicht vergessen, denn du bist immer präsent. Nur wenn du woanders wärest, dann könntest du vergessen.

[Sri Ramanas Lebensgeschichte] [Sri Ramanas Lehre] [Wie praktiziere ich Selbsterforschung]

Auszug KAPITEL 9

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Anleitung zur Selbsterforschung

Praktischer Ratgeber zu „Wer bin ich?“
Aus einem Satsang mit Premananda

[Sri Ramanas Originaltexte sind fett gedruckt]

Dieses Kapitel lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass wir unseren Verstand immer mit irgendeiner Geschichte beschäftigen. Wenn wir aber still und ruhig werden, schaffen wir einen Raum, in dem das Selbst zum Vorschein kommt. Er fordert uns auf, uns unserer Konditionierung und unserer Anhaftung an unsere Gedanken – „meine“ Gedanken, „meine“ Geschichte – bewusst zu werden. Premananda macht deutlich, wie die Selbsterforschung durchzuführen ist, um alle Zweifel darüber zu beseitigen. Dabei werden immer wieder die entsprechenden Fragen und Antworten aus Sri Ramanas „Wer bin ich?“ erörtert und erklärt. Zitate von Sri Ramana ergänzen das Kapitel.


Sivaprakasam Pillai, ein gelehrter Verehrer des jungen Sri Ramanas, suchte diesen am Arunachala auf und fragte ihn nach seiner Lehre. Damals lebte Sri Ramana in der Virupaksha Höhle. Als Sivaprakasam Pillai ihm begegnete, war Sri Ramana zweiundzwanzig Jahre alt und lebte bereits seit etwa drei Jahren auf dem Berg, alleine und in Stille. Aus dieser Begegnung entstand das kleine Buch mit achtundzwanzig Fragen und Antworten.

Es ist sehr klein und passt in jede Tasche. Es heißt „Wer bin ich?“ (Nan Yar). Letztendlich führt jede spirituelle Tradition mit ihren ganz unterschiedlichen Techniken zu der Frage über das Ich. Es geht um die Tatsache, dass wir an ein falsches Ich glauben, an diesen Film „Mein Leben“. Wir glauben, dass wir diese seltsamen Vorstellungen, Urteile und Sehnsüchte sind, die wir haben. Und dieses Gesamtpaket nennen wir dann „mein Leben“. Aber das stimmt nicht. Diese Vorstellung ist einfach nur falsch.

Durch die Selbsterforschung wird der Fokus von der Welt im Außen nach innen gelenkt. Wir werden uns unseres Selbst bewusst. Wir schauen. Das wird aber nur möglich sein, wenn unser Verstand bereits ruhig geworden ist. Wenn der Verstand voller Gedanken ist, bringt uns die Selbsterforschung nichts. Sri Ramana entwickelte eine sehr klare Technik, wie man die Selbsterforschung ganz intensiv im alltäglichen Leben integrieren kann, damit der Verstand in der Quelle zur Ruhe kommt. Er sagte:

    Du musst dir die Frage stellen: „Wer bin ich?“ Diese Erforschung wird dich letztendlich dazu führen, etwas in dir zu entdecken, dass hinter dem Verstand legt. Löse das größte Problem, dann werden sich alle anderen Probleme auch lösen.

Wir werden uns die Fragen und Antworten aus dem Buch anschauen, die einen direkten Bezug dazu haben, wie man die Selbsterforschung macht. (Der gesamte Text ist in Kapitel 4 abgedruckt.)

Was ich als wahre Natur bezeichne, wird in dem Text „das Selbst“ genannt. Man könnte es auch das Höhere Selbst nennen oder Gott oder Seele. „Die Welt“ bezeichnet die Gedanken, Gefühle und alle Objekte, einschließlich dem Menschen, die durch die fünf Sinne wahrgenommen werden können.

Sri Ramana wurde gefragt:

    Wann hat man das Selbst erkannt? [F4]

    Wenn die Welt, die das Gesehene ist, entfernt worden ist, wird die Erkenntnis des Selbst als das Sehende geschehen.

    Ist es möglich das Selbst auch dann zu erkennen, wenn die Welt noch da ist und als wirklich angesehen wird? [F5]

    Nein, das ist nicht möglich.

Das ist sehr klar, aber auch sehr schockierend, denn er sagt, dass du das Selbst nur erkennen kannst, wenn du die Welt als das siehst, was sie wirklich ist, nämlich als eine Illusion. Außerdem sagt er, dass du das Selbst nicht erkennen kannst, wenn die Welt da ist. Diese Aussage legt nahe, dass die Welt, so wie wir sie sehen, nicht so unumstößlich ist, wie sie erscheint. Wir sind völlig darauf konditioniert zu glauben, dass die Welt, so wie sie ist, real und unumstößlich ist und dass wir ein abgetrennter Teil von ihr sind. Diese Welt, die wir als Realität annehmen, muss als Illusion erkannt werden, um das Selbst sehen zu können.

Jeder, der bereits einen Geschmack vom Selbst oder einen Einblick da hinein bekommen hat oder der das Selbst erkannt hat, weiß, dass das wahr ist. Das heißt aber nicht, dass Premananda zum Beispiel die Bäume im Garten nicht mehr sieht. Ich sehe sie. Ich sehe sogar dich dort sitzen. So gesehen sieht die Welt genauso aus wie immer, aber etwas hat sich verändert. Wenn wir uns mit dem Selbst vereinen, dann ist das, als wäre unsere gesamte Bewusstheit einfach da, in dieser Stille. Es ist, als würde die Welt verschwinden. Normalerweise erfahren wir die Welt durch unsere Sinne, aber wenn wir tief in unser Selbst kommen, sind wir nicht mehr so beschäftigt mit ihnen, so dass die Welt verblasst und fast wie ein Schatten wird.

Alles, was ich dazu sage könnte, würde keinen Sinn ergeben, denn es ist mit dem Verstand nicht zu verstehen. Wenn diese Sache sehr neu für dich ist, kann dein Verstand nicht anders als auszuflippen. Er kann es nicht begreifen, stimmt’s? Der Verstand hat keine Chance das zu verstehen. Das Verstehen kommt aus deinem Inneren, aus etwas, das tiefer liegt als der Verstand.

Die Menschen, die zum Satsang kommen, werden sehr still und lassen ihre Geschichten und Dramen für zwei bis drei Stunden hinter sich. Sie lassen ihre Anhaftung an diese Geschichten los und kommen so in die Stille. Dann gehen sie zurück in ihren Alltag, zu ihrer Arbeit, ihrer Familie, ihrer Beziehung. Allein schon wenn man durch die Straßen läuft, gibt es dieses kollektive Empfinden dem Leben gegenüber, das uns so viele Jahre lang konditioniert hat. Und schon greifen wir wieder diese ganzen unsichtbaren Strukturen auf und landen zurück in der Geschichte, die wir „mein Leben“ nennen. Sofort scheint die Stille zu verblassen, und dann sagen wir: „Oh, Satsang hat nicht funktioniert!“ Aber es kann nicht nicht funktionieren – weil wir diese Stille sind. Sie ist unsere Natur. Es muss also funktionieren. Es funktioniert immer, wir wissen es nur nicht.

Eine Grundvoraussetzung, um das Selbst zu erkennen, ist ein stiller Verstand, den man durch spirituelle Übungen erreichen kann. Die meisten Menschen haben einen sehr geschäftigen Verstand und sind so sehr mit ihren Geschichten identifiziert, dass einfach kein Raum da ist, in dem die Selbsterforschung greifen kann. Man muss Zeit dafür aufbringen, um den Verstand kennen zu lernen und ihn zu beruhigen. Man muss etwas dafür tun. Einen sattvischen, ruhigen und friedvollen Verstand zu haben ist sehr wichtig. So ein Verstand ist offen für die Wahrheit.

Satsang funktioniert absolut. Und das Schöne daran ist, dass es so einfach ist. Es ist so unglaublich leicht und verändert einfach alles. Es ist revolutionär, weil du überhaupt nichts von außen brauchst. Du brauchst nichts von niemandem. Du hast alles, was du brauchst, die Weisheit des gesamten Universums, das ganze Wissen, die Liebe, alles ist einfach da, in dir drinnen. Ich sage „drinnen“, dabei ist es nicht drinnen. Es ist überall um dich herum und durch dich hindurch.

Wie kann man also mit dieser Stille in Verbindung bleiben? Sri Ramana gibt einen Rat, als er gefragt wurde:

    Wie wird der Verstand still? [F10]

    Durch die Untersuchung der Frage „Wer bin ich?“. Denn dieser Gedanke zerstört alle anderen Gedanken. Er ist wie der Stock, mit dem man ein brennendes Feuer anfacht: Am Ende verbrennt er selbst. Dann geschieht Selbsterkenntnis.

Wenn in Indien ein Verstorbener verbrannt wird, wird ein Stock benutzt, um sicher zu stellen, dass auch alles verbrennt. Im letzten Moment wird auch dieser Stock ins Feuer geworfen und danach ist nichts mehr übrig. Bei der Erkenntnis des Selbst ist es genauso. Die Frage „Wer bin ich?“ verhält sich wie der Stock bei der Verbrennung, denn sie wird alle anderen Gedanken zerstören. Er sagt: „Dann geschieht Selbsterkenntnis.“ Wenn alle Gedanken zerstört sind, wird die Erkenntnis des Selbst einfach da sein.

    Mache die Erforschung immer, wenn du wach bist. Das dürfte ausreichen. Wenn du die Erforschung solange machst bis du einschläfst, dann wird sie auch im Schlaf weiter laufen. Mache mit der Erforschung weiter, sobald du aufwachst.

    Day by Day with Bhagavan (D. Mudaliar)

Fast jeder war aufgeregt, als er gestern zu dem Treffen kam, in dem wir diese Erforschung gemeinsam machten. Vielleicht gab es ein leichtes Gefühl von Druck auf der Brust oder andere Körperempfindungen, vielleicht auch Angst oder andere Gefühle oder viele Gedanken. Zuvor warst du noch im Auto gesessen oder hast am Telefon etwas zu organisieren gehabt. Und dann sind wir alle einfach still geworden.

Wir saßen alle zusammen, niemand sprach, niemand diskutierte und wir wurden einfach immer stiller. Nach zwanzig oder dreißig Minuten bat ich jeden, mal hinzuschauen: Was ist da? Zuerst fand man einen Gedanken oder ein Gefühl, weil wir immer auf der Suche nach etwas sind. Wenn wir in den Himmel schauen, sehen wir immer die Wolken, ein Flugzeug, die Sonne, den Mond oder in der Nacht die Sterne. Wir nehmen das Blau des Himmels noch nicht einmal wahr, weil wir so darauf programmiert sind, immer nach etwas zu suchen. Das Gleiche geschieht auch, wenn wir nach Innen schauen. Wir sind immer auf der Suche nach etwas – ein Gedanke, ein Gefühl, eine Körperempfindung, irgendetwas.

Aber was wir wirklich suchen, das Selbst, ist nur leeres Nichts. Ein riesiges Nichts, so wie der Himmel, ganz ohne Grenzen, völlig farblos und nichts drin. Einfach nur Leere. Wie ein riesiger dunkler Ozean. Manche Menschen erleben es als Licht, aber die meisten erleben es wie einen strahlenden schwarzen Ozean. Wenn du erst einmal in diesem strahlenden schwarzen Ozean bist, dann stören ein paar Gedanken nicht. Gedanken kommen und gehen wie Luftblasen im Ozean. Sie stören überhaupt nicht.

Aber wir verfangen uns so schnell in der Welt. Es gibt ein Drama mit den Kindern oder es fängt plötzlich heftig an zu regnen und das Dach leckt durch. Dann hat man das Drama sich um einen Dachdecker zu kümmern. Woher kommt das Geld? Wie soll man bezahlen? Dann kommt eine dicke Telefonrechnung. Es ist so leicht, sich in der Welt zu verfangen. Wir brauchen etwas, damit wir aus der Welt wieder zurück zum Ozean kommen, zurück zur Quelle.

    Wie kann man beständig an dem Gedanken „Wer bin ich?“ festhalten? [F11]

    Indem man anderen Gedanken, die auftauchen, nicht folgt, sondern sich vielmehr fragt, wessen Gedanke das ist, oder wer diesen Gedanken eigentlich denkt. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Gedanken auftauchen. Bei jedem fragt man sich, wem dieser Gedanke gekommen ist. Die Antwort, die gewöhnlich erscheint, ist: „ich“ oder „mir“. Fragt man dann wieder: „Wer bin ich?“, kehrt der Verstand zu seiner Quelle zurück und der aufgetauchte Gedanke verstummt. Durch die ständige Wiederholung dieser Übung wird der Verstand schließlich dazu gebracht, in seiner Quelle zu bleiben.

„Indem man anderen Gedanken, die auftauchen, nicht folgt …“ Was meint er mit „nicht folgt“? Normalerweise, wenn uns ein Gedanke kommt, „Mittagessen“, dann denken wir: „Was wird es geben?“ „Fisch.“ „Wo kann ich den Fisch kaufen?“ Und dann: „Wie komme ich zum Fischgeschäft?“ „Oh, mein Fahrrad ist kaputt.“ Es dauert nicht lange, dann hat uns der erste Gedanke bereits auf eine lange Reise mitgenommen und wir denken mittlerweile darüber nach, wie wir uns das Fahrrad von unserem Freund ausleihen können. (Lachen) Es fing mit einem Gedanken über das Mittagessen an und jetzt denken wir: „Wie komme ich nur an das Fahrrad von meinem Freund?“ Siehst du? Folge nicht dem Gedanken. Der Gedanke kommt „Mittagessen“. Das ist in Ordnung, kein Problem, und dann wird er wieder verschwinden.

Wenn du wirklich still wirst kannst du regelrecht sehen, wie die Gedanken aus dem Nichts aufsteigen. Da ist Stille, da ist der Ozean und ganz plötzlich steigt aus dem Ozean ein Gedanke auf. Normalerweise nehmen wir diesen Gedanken und sagen: „Das ist MEIN Gedanke. ICH habe das gedacht. ICH denke ans Mittagessen.“ Aber tatsächlich ist es nur ein Gedanke. Wir sind an all diese Gedanken sehr angehaftet. „Das sind MEINE Gedanken.“ Aber das stimmt nicht. Es sind nur Gedanken. Deshalb sagt Sri Ramana, dass man den Gedanken nicht folgen soll. Der Gedanke ans Mittagessen wird kommen und dann wieder gehen. Dann kommt der nächste Gedanke: „Fußball.“ Und dann geht auch dieser wieder.

Frage aus dem Publikum: Wann isst du dann?

Wenn ich Hunger habe.

Wenn du Hunger hast. Ist das etwas anderes als ans Mittagessen zu denken?

Ja. Du gehst durch deinen Tag und wenn dein Körper etwas zu essen braucht, wirst du dich hungrig fühlen. Es ist für alles gesorgt. Der Körper ist wie ein Wecker und wenn er hungrig ist, wirst du es wissen. Aber wir Menschen haben natürlich aus all diesen Dingen ein Programm gestaltet. Um ein Uhr gibt’s Mittagessen, um vier Uhr den Tee und um sieben Uhr Abendessen. Aber Tatsache ist, dass du deinem Körper vertrauen kannst. Wenn der Körper müde ist, wird er schlafen. Vielleicht wirst du um vier Uhr am Nachmittag müde sein, vielleicht auch erst um elf Uhr abends. Vielleicht variiert das auch. Wenn der Körper müde ist, kannst du schlafen. Wenn der Körper Hunger hat, wirst du essen.

Sri Ramana sagt: „Indem man anderen Gedanken, die auftauchen, nicht folgt …“ Das ist sehr wichtig. Gehe nicht in die Gedanken hinein, verfange dich nicht in ihnen. Verfolge das Mittagessen nicht bis hin zum Fahrrad deines Freundes. Nimm den Gedanken einfach als Gedanken wahr, nicht als MEINEN Gedanken. Keine Verstrickungen. Vielmehr sagt er: „… sondern sich vielmehr fragt, wessen Gedanke das ist, oder wer diesen Gedanken eigentlich denkt.“ Du hast an dem Gedanken selbst kein Interesse. Du interessierst dich nicht dafür, ob es bei dem Gedanken ums Mittagessen geht, um Geld oder um deine neue Freundin. Du bist an der Qualität oder dem Zusammenhang dieses Gedankens nicht interessiert. Du bist nur an der Frage interessiert: „Wessen Gedanke ist das?“ Die Antwort lautet: „Meiner“. Es ist immer das Ich, denn unsere ganze Anhaftung hängt an diesem „Ich – mein Leben“.

Dann sagt er: „Fragt man dann wieder: ‚Wer bin ich?‘ [oder: ‚Wer ist dieses Ich?‘], kehrt der Verstand zu seiner Quelle zurück …“ Es sind also zwei Fragen: Du fragst: „Wessen Gedanke ist das? Die Antwort, die gewöhnlich erscheint, ist: ‚ich‘ oder ‚mir‘. Fragt man dann wieder: ‚Wer bin ich?‘ [oder: ‚Wer ist dieses Ich?‘], kehrt der Verstand zu seiner Quelle zurück und der aufgetauchte Gedanke [ganz gleich, was für einer das ist] verstummt. Durch die ständige Wiederholung dieser Übung wird der Verstand schließlich dazu gebracht, in seiner Quelle zu bleiben.“ Wenn du die Erforschung intensiv weiter betreibst, wird dein Verstand nach einiger Zeit ruhiger werden. Es werden weniger Gedanken da sein und der Verstand wird sich daran gewöhnen, einfach still zu sein.

Am Anfang mag sich das noch wie ein Kampf anfühlen, aber nach einer Weile läuft das ganz von alleine. Wenn du die Erforschung intensiv betreibst, wirst du nach einiger Zeit die beiden Fragen nicht mehr stellen müssen. Es wird ein Punkt kommen, an dem es genug sein wird, dich nur an die Frage zu erinnern oder ein Stichwort zu hören: Wer? Die Erinnerung reicht und du kommst zurück in die Stille.

Sri Ramana schlägt auch vor, dass du dich für die Selbsterforschung mit geschlossenen Augen hinsetzt, wenn du neu mit ihr beginnst. Denn sobald du die Augen schließt, verschwinden sechzig Prozent der Welt. Dann bleiben eigentlich nur noch die Gedanken, die Geräusche, ein paar Gefühle und Körperwahrnehmungen. Am Anfang kannst du die Selbsterforschung wie eine Übung praktizieren, du setzt dich hin, schaust nach innen und machst die Selbsterforschung. Wenn du es dann geschafft hast, die Selbsterforschung mit geschlossenen Augen zu machen, dann kannst du sie auch in dein tägliches Leben integrieren.